Wolfsbestand: Fakten statt Politik im Artenschutz

Fabian

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Bis Ende Juli muss Deutschland gemäß der FFH-Richtlinie einen Bericht über den Zustand der geschützten Arten an die EU-Kommission übermitteln. Dabei zeichnet sich jedoch eine Verzögerung ab: Bund und Länder konnten sich bislang nicht auf eine einheitliche Bewertung des Erhaltungszustands des Wolfs einigen. Diese Uneinigkeit verwundert, da eine von der Umweltministerkonferenz beauftragte Bund-Länder-Arbeitsgruppe bereits im Jahr 2023 eine fundierte Methode zur Bewertung entwickelt hatte – unter Beteiligung der Länder selbst. Die Ergebnisse dieser Arbeitsgruppe zeigen: Der Erhaltungszustand des Wolfs in Deutschland ist derzeit noch nicht als „günstig“ einzustufen.

Politischer Einfluss statt wissenschaftlicher Grundlage?

Marie Neuwald, Wolfsexpertin beim NABU, äußerte den Verdacht, dass einigen Bundesländern das Ergebnis der Arbeitsgruppe nicht genehm sei. Sie betonte, der Bericht an die EU müsse sich auf die wissenschaftlich erhobenen Daten des aktuellen Monitorings stützen und nicht durch politische Interessen verfälscht werden. Ihrer Einschätzung zufolge werde die gesetzlich verankerte Verpflichtung zum Artenschutz von einzelnen Ländern nicht ausreichend ernst genommen. Forderungen, den Wolf zu bejagen, sobald ein günstiger Erhaltungszustand erreicht sei, seien aus ihrer Sicht fehlgeleitet: Laut FFH-Richtlinie müsse dieser Zustand nicht nur erreicht, sondern auch dauerhaft gesichert werden.

Bejagung bringt keinen Herdenschutz

In der öffentlichen Diskussion wird derzeit verstärkt der Ruf nach flächendeckenden Abschüssen von Wölfen laut – mit dem Argument, dies diene dem Herdenschutz. Neuwald widersprach diesem Narrativ entschieden: Die Annahme, dass Wölfe durch Bejagung größere Distanz zu Weidetieren hielten, sei ein Trugschluss. Vielmehr sei Herdenschutz grundsätzlich notwendig – unabhängig von der Anzahl an Wölfen in einem Gebiet. Die Erfahrungen der letzten 25 Jahre, insbesondere von Weidetierhaltenden, hätten gezeigt, dass effektiver Schutz der Herden funktioniere.

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Herdenschutz wirkt: Weniger Risse trotz mehr Wölfen

Ein aktuelles Ergebnis der Schadensstatistik unterstreicht diese Einschätzung: Im Jahr 2024 sank die Zahl der durch Wölfe gerissenen Weidetiere in Deutschland um 25 Prozent – und das trotz eines wachsenden Wolfsbestands. Dieses erfreuliche Ergebnis ist vor allem dem Engagement der Weidetierhaltenden im Herdenschutz zu verdanken. Es zeige deutlich, dass nicht die Anzahl der Wölfe ausschlaggebend für Rissereignisse sei, sondern die konsequente Umsetzung von Schutzmaßnahmen. Der NABU appelliert daher an Bund und Länder, die Weidetierhaltung weiterhin im Herdenschutz zu unterstützen. Eine Kürzung der Fördermittel – wie sie aktuell in einigen Bundesländern im Zuge jagdrechtlicher Debatten diskutiert wird – lehnt der Verband entschieden ab.

Was bedeutet „günstiger Erhaltungszustand“?

Alle sechs Jahre sind die EU-Mitgliedsstaaten verpflichtet, den Zustand der geschützten Arten zu berichten. Dabei wird nicht nur die Anzahl der Tiere bewertet, sondern auch das Vorhandensein geeigneter Lebensräume, aktuelle Bedrohungen sowie die langfristigen Zukunftsaussichten. Der sogenannte „günstige Erhaltungszustand“ ist ein Mindeststandard, der sicherstellen soll, dass eine Art langfristig überleben kann. Er ist dabei nicht mit der Roten Liste zu verwechseln, die das unmittelbare Aussterberisiko abbildet. Eine Art kann somit noch nicht als „günstig“ eingestuft werden, obwohl sie derzeit nicht vom Aussterben bedroht ist.

Dieser Text beruht auf einer Pressemitteilung des NABU e.V. vom 11.07.2025