Mehr Raum für Flüsse: Warum zwei Prozent Fläche Deutschlands entscheidend für den Gewässerschutz sind

Fabian

Fluss in der Schweiz: Symbolbild
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Deutschland könnte viele europäische Gewässerschutzziele erreichen, wenn Bächen und Flüssen rund zwei Prozent der Landesfläche zurückgegeben würden. Das zeigen Berechnungen im Auftrag des Umweltbundesamtes (UBA). Aktuell fehlen den deutschen Gewässern etwa 7.000 Quadratkilometer Fläche, die für eine naturnahe Entwicklung von Gewässern und Auen, einen verbesserten Hochwasserschutz, mehr biologische Vielfalt und die Anpassung an den Klimawandel dringend benötigt wird.

Gewässerschutz als Beitrag zum Klimaschutz

Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamtes, betonte, dass Gewässerschutz zugleich Klimaschutz bedeute. Er erläuterte, dass Auen an Flüssen wie Schwämme wirkten: Sie speicherten Wasser während Hochwassern und gäben es in Dürrezeiten langsam wieder ab. Zudem könne das gespeicherte Wasser an heißen Tagen seine Umgebung spürbar kühlen. Die Ausweitung der Flächen für Flüsse und Bäche sei daher kein Selbstzweck, sondern erhöhe grundsätzlich den Schutz vor Klimaextremen.

Zustand der heutigen Gewässer

Deutschland verfügt über ein dichtes Netz aus Bächen und Flüssen von insgesamt etwa 590.000 Kilometern Länge. Dieses Gewässernetz wird intensiv genutzt und wurde im Laufe der Zeit stark umgestaltet, etwa für Siedlungsbau, Landwirtschaft, Verkehr und Energiegewinnung. Flüsse wurden begradigt, durch Deiche von ihren Auen getrennt, Ufervegetation entfernt und Gewässerbetten vertieft oder befestigt. Dadurch gingen rund 80 Prozent der ursprünglichen Ausbreitungsflächen der Gewässer verloren.
Die Europäische Union strebt einen guten ökologischen Zustand der Fließgewässer an. Dieses Ziel ist bislang deutlich verfehlt: Noch 2022 erreichten 90 Prozent der Gewässer diesen Zustand nicht.

Perspektiven für zukünftige Gewässerlandschaften

Wenn Bäche und Flüsse ihre verloren gegangenen Flächen zurückerhalten, können sie erneut natürliche Strukturen ausbilden, die zahlreichen Organismen Lebensraum bieten – beispielsweise Sand- und Kiesbänke, Inseln oder umgestürzte Bäume.
Mehr Raum für Gewässer schafft nicht nur die Grundlage für nachhaltigen Gewässerschutz, sondern ermöglicht naturnahe Fluss- und Auenlandschaften, die über 40 verschiedene Funktionen erfüllen. Dazu gehören die Bereitstellung von Trinkwasser und Nahrung, die Speicherung von Kohlenstoff sowie die Bereitstellung attraktiver Naherholungsräume.

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Wasser zurückhalten statt ableiten

Der Klimawandel verstärkt extreme Wetterereignisse wie Starkregen, Hochwasser und Dürre. Zusätzliche Flächen ermöglichen es, Wasser länger in der Landschaft zu halten. Längere Fließwege verlangsamen den Abfluss und erhöhen die Speicherung in Auen, die Hochwasser aufnehmen und bei Trockenheit wieder abgeben. Dies wirkt sich regulierend auf das Mikroklima aus und beugt Wasserknappheit vor.
Künftig müsse daher ein Umdenken stattfinden: Wasser solle nicht möglichst schnell abgeleitet, sondern bewusst länger vor Ort gehalten werden, damit Böden, Vegetation und Grundwasser profitieren. Das steigere sowohl die Klimaresilienz als auch ein nachhaltiges Wassermanagement.

Zwei Prozent Fläche – ambitioniert, aber erreichbar

Die Rückgewinnung von zwei Prozent der Landesfläche für eine naturnahe Gewässerentwicklung stellt eine große Herausforderung dar, insbesondere in einem dicht besiedelten Land wie Deutschland. Seit Einführung der Wasserrahmenrichtlinie im Jahr 2000 wurden über 4.500 Quadratkilometer für Siedlung und Verkehr neu genutzt, während seit 1983 lediglich 71 Quadratkilometer Überschwemmungsflächen wiederhergestellt wurden. Dies zeigt eine deutliche Lücke zwischen Anspruch und Realität im Gewässerschutz.
Renaturierung ist jedoch kein isoliertes Ziel, sondern ergänzt zahlreiche andere umwelt-, natur- und klimaschutzbezogene Maßnahmen. Ein festes Flächenziel für die Gewässerentwicklung ist daher ein zentraler Bestandteil umfassender Umweltpolitik.

Dieser Text beruht auf einer Pressemitteilung des Umweltbundesamtes vom 20.10.2025