Eine Untersuchung des Instituts für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (ifeu) im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe (DUH) stellt die Klimaversprechen von HVO100 und Biodiesel aus Altspeiseöl infrage. Werden verdrängte Nutzungen und mögliche Ersatzrohstoffe einbezogen, fällt die Bilanz nach den untersuchten Szenarien deutlich schlechter aus als häufig beworben. Die DUH sieht darin einen Beleg, dass diese Kraftstoffe in der Gesamtbetrachtung mindestens ebenso klimaschädlich wie fossiler Diesel sein können. Im Mittelpunkt stehen Verlagerungseffekte, die zusätzliche Nachfrage nach Palmöl auslösen und damit indirekt zur Zerstörung von Regenwald beitragen können.
Palmölproduktion als Treiber zusätzlicher Klimaschäden
Wird Altspeiseöl verstärkt aus anderen Ländern importiert und zu Kraftstoff verarbeitet, kann es dort für bisherige Anwendungen fehlen. Dieser Bedarf verschwindet durch den Export nicht. Wird die Lücke mit frischem Palmöl geschlossen, entstehen zusätzliche Belastungen durch dessen Herstellung. Besonders problematisch wird dies, wenn für neue Anbauflächen Wälder gerodet oder andere natürliche Flächen umgewandelt werden.
Genau diesen Zusammenhang berücksichtigt die Untersuchung. Entscheidend ist deshalb nicht allein, welche Emissionen bei Sammlung, Transport, Verarbeitung und Verbrauch des Altspeiseöls entstehen. Ebenso relevant ist die Frage, welcher Rohstoff an seine Stelle tritt. Wie stark sich die Klimabilanz verschlechtert, hängt dabei von den angenommenen Ersatzstoffen und den damit verbundenen Landnutzungsänderungen ab.
Kritik der DUH an „Scheinlösungen“
Die DUH bezeichnete HVO100 aus Altspeiseöl in ihrer Pressemitteilung als Mogelpackung. Die häufig genannten Einsparungen von nahezu 90 Prozent würden die tatsächlichen Folgen der Rohstoffnachfrage nicht ausreichend abbilden. Statt einer zusätzlichen Entlastung könnten durch die Verlagerung bestehender Nutzungen weitere Schäden für Klima und Natur entstehen.
Die Organisation fordert deshalb, den Einsatz und die Förderung von HVO100 aus Altspeiseöl im Straßenverkehr zu beenden. Aus ihrer Sicht sollten Elektromobilität und eine umfassende Verkehrswende stärker vorangetrieben werden. Diese Forderung ist die politische Schlussfolgerung der DUH aus der von ihr beauftragten Untersuchung.
Warum eine rechnerische Einsparung nicht automatisch zusätzlichen Klimaschutz bedeutet
Altspeiseöl ist ein begrenzt verfügbarer Rohstoff, der bereits in unterschiedlichen Bereichen verwendet wird. Dazu zählen die Energieerzeugung sowie die Herstellung von Schmierstoffen und Reinigungsmitteln. Wird eine bereits genutzte Menge künftig zu Kraftstoff verarbeitet, muss für die bisherige Anwendung Ersatz gefunden werden.
Ein Beispiel ist die Wärmeerzeugung: Ersetzt Altspeiseöl dort fossiles Heizöl, trägt es bereits zur Verringerung des fossilen Verbrauchs bei. Wandert es anschließend in die Kraftstoffproduktion und wird für die Wärmeversorgung wieder Heizöl benötigt, steht der Einsparung im Verkehr ein zusätzlicher Verbrauch an anderer Stelle gegenüber. Weiterführende Informationen zu Heizöl, Heizölsorten und Umweltfragen helfen, diesen Zusammenhang auch aus Sicht der Wärmeversorgung einzuordnen.
Die Studie betrachtet deshalb nicht nur den Kraftstoff selbst, sondern auch die Folgen seiner Herstellung für andere Nutzungen. Anders kann die Bewertung ausfallen, wenn tatsächlich zusätzliche Mengen Altspeiseöl gesammelt werden, die zuvor ungenutzt blieben. Die Untersuchung erkennt solche Sammelpotenziale an, verweist aber auf deren begrenzten Umfang. Eine beliebig steigende Kraftstoffnachfrage lässt sich damit nicht decken.
Weitere Kritik an Palmöl-Reststoffen und möglichen Falschdeklarationen
Der internationale Verkehrsexperte Axel Friedrich kritisierte im Zusammenhang mit der Veröffentlichung auch den Einsatz von Reststoffen aus Palmölmühlen. Dazu gehört POME, die englische Abkürzung für Palmölmühlenabwasser. Bei dessen Behandlung können erhebliche Methanemissionen entstehen. Methan wirkt über einen Zeitraum von 20 Jahren pro ausgestoßener Masse rund 82-mal so stark erwärmend wie CO₂.
Friedrich forderte deshalb, die tatsächlichen Treibhausgasemissionen vollständig zu erfassen und Nachhaltigkeitszertifikate bei unzutreffenden Grundlagen zurückzuziehen. Diese Kritik an Palmöl-Reststoffen ergänzt die Diskussion über Altspeiseöl, betrifft aber einen anderen Ausgangsstoff.
Darüber hinaus verweist die DUH auf Hinweise auf mögliche Falschdeklarationen. Demnach könne frisches Palmöl als Altspeiseöl ausgegeben werden, um Vorteile für vermeintliche Abfallstoffe zu erhalten. Solche Vorwürfe unterstreichen den Bedarf an nachvollziehbaren Lieferketten und wirksamen Kontrollen. Sie sind jedoch kein Beleg dafür, dass jedes angebotene HVO100-Produkt falsch deklariert ist.
Hintergrund: Was HVO100 von klassischem Biodiesel unterscheidet
Seit Mai 2024 darf HVO100 in Deutschland an öffentlichen Tankstellen verkauft werden. Bei seiner Herstellung werden Öle und Fette mithilfe von Wasserstoff verarbeitet. Klassischer Biodiesel, auch FAME genannt, entsteht dagegen durch ein anderes chemisches Verfahren. Beide Kraftstoffarten können aus Altspeiseöl hergestellt werden, sind aber nicht identisch.
Die Bezeichnung HVO100 beschreibt den unvermischten HVO-Kraftstoff. Sie sagt für sich genommen weder aus, welcher Rohstoff verwendet wurde, noch wie hoch die tatsächliche Treibhausgaseinsparung ausfällt. Auch andere biogene Öle und Fette kommen als Ausgangsstoffe infrage. Die hier diskutierte Untersuchung richtet ihren Schwerpunkt ausdrücklich auf gebrauchtes Speiseöl.
Redaktionelle Einschätzung: Klimaversprechen brauchen eine nachvollziehbare Grundlage
Aus redaktioneller Sicht trifft die Untersuchung einen berechtigten Punkt: Ein Reststoff ist nicht automatisch ohne weitere Folgen verfügbar, nur weil er bereits einmal verwendet wurde. Wer mit hohen CO₂-Einsparungen wirbt, sollte deshalb offenlegen, woher die Rohstoffe stammen, wie die Einsparung berechnet wird und ob bisherige Nutzungen berücksichtigt sind. Eine einzelne Prozentzahl kann diese Zusammenhänge kaum verständlich abbilden.
Gleichzeitig sollten die Ergebnisse nicht pauschal auf jeden HVO-Kraftstoff und jede Lieferkette übertragen werden. Die Studie untersucht bestimmte Verdrängungs- und Ersatzszenarien. Ob zusätzlich gesammeltes Altspeiseöl verwendet wird oder eine bestehende Nutzung entfällt, macht für die Bewertung einen erheblichen Unterschied.
Die überzeugendste Schlussfolgerung lautet daher: Klimaschutz muss über die einzelne Tankfüllung hinaus betrachtet werden. Zusätzliche Sammlung, überprüfbare Herkunft und eine transparente Gesamtbilanz sind sinnvolle Maßstäbe für die Beurteilung. Solange diese Angaben fehlen, sollten weitreichende Klimaversprechen kritisch hinterfragt werden. Ebenso wenig lässt sich aus der Kritik ableiten, dass fossiler Diesel dadurch zu einer klimafreundlichen Lösung wird.
Dieser Text beruht auf einer Pressemitteilung der Deutschen Umwelthilfe (DUH e.V.) vom 22.08.2025. Er wurde am 24.9.2026 redaktionell überarbeitet, um Hintergrundinformationen ergänzt und um eine eigene redaktionelle Einschätzung erweitert.












