Osnabrück: Der Begriff „Ranger“ bezeichnet im Englischen Natur- und Landschaftshüter in Wald- und Wildnisgebieten. Ein internationales Projekt der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) überträgt dieses Prinzip nun auf den marinen Raum. In Estland, Lettland und Litauen wird die Weiterbildung von Fischern zu sogenannten „Baltic Sea Rangern“ gefördert. Ziel ist es, die kleine Küstenfischerei zu stärken und zugleich die stark belastete Ostsee zu renaturieren. Die Belastungen reichen von Nährstoffeinträgen über Klimawandel und Schiffsverkehr bis hin zu Schadstoffen wie Arzneimitteln, Pestiziden und Chemikalien. Nach Einschätzung des DBU-Generalsekretärs Alexander Bonde handelt es sich dabei um einen Ansatz, der sowohl dem Menschen als auch dem Meer zugutekommt.
Weltweit einzigartige Fortbildung für Fischerei und Meeresumwelt
Nach Darstellung Bondes geht es dabei nicht nur um neue Wege für einen besseren Schutz der Ostsee, sondern ebenso um den Erhalt einer handwerklich geprägten, nachhaltigen Küstenfischerei. Diese sei von Überalterung betroffen und stehe wirtschaftlich unter starkem Druck. Langfristig solle sich die Küstenfischerei zu einem marinen Dienstleistungssektor entwickeln.
Die Federführung des Projekts liegt bei der Baltic Sea Conservation Foundation mit Sitz in Rostock, unterstützt vom Verein Sea Ranger. Der stellvertretende Vereinsvorsitzende Martin Schlockwerder erläutert, dass die Initiative ursprünglich von Fischern der Fischereigenossenschaft Wismarbucht ausging. Wirtschaftliche Zwänge infolge stark sinkender Fischbestände und zunehmender Umweltbelastungen der Ostsee – etwa durch Eutrophierung mit Nitrat und Phosphat aus der Landwirtschaft – hätten dabei eine zentrale Rolle gespielt. Hinzu seien ein hoher Altersdurchschnitt von rund 61 Jahren und große Nachwuchsprobleme gekommen.
Aus Sorge um die eigene Existenz, aber auch um den Erhalt traditionellen Wissens und um die Verantwortung für küstennahe marine Ökosysteme, seien neue Perspektiven für Berufsstand und Ostsee entwickelt worden. Das Ergebnis sei eine weltweit einzigartige Fortbildung zum Fachwirt für Fischerei und Meeresumwelt, die auf einer staatlich geregelten Fortbildungsprüfungsverordnung basiert.
Sea Ranger als Dienstleister für Ostsee und Wissenschaft
Schlockwerder zufolge verfolgen die beteiligten Fischer mehrere Ziele. Zum einen gehe es um eine Diversifizierung der Tätigkeiten und um zusätzliche Einnahmequellen, da der Fischfang allein häufig nicht mehr zum Lebensunterhalt ausreiche. Zum anderen stehe die Wiederbelebung der Ostsee im Mittelpunkt.
Die Sea Ranger verstünden sich dabei als Dienstleister für wissenschaftliche Einrichtungen wie Forschungsinstitute und Universitäten sowie für Behörden und Ministerien. Gerade im küstennahen Bereich der Ostsee, der sich etwa drei Seemeilen vom Ufer erstreckt, bestünden erhebliche Datenlücken. Diese sollen mithilfe der Fischer geschlossen werden. Durch die Fortbildung lernten sie den Umgang mit wissenschaftlichen Messinstrumenten und sammelten im Rahmen von Monitorings wertvolle Daten, etwa zu toxischen Algenblüten oder zu Veränderungen von Bestand und Wanderungsverhalten des Herings. Auch die Erhebung hydrographischer Daten zu Wassertemperatur, Trübung und Salzgehalt gehöre zu den Aufgaben.
Lokale Konzepte für Estland, Lettland und Litauen
Nach Einschätzung von Kathleen Schwerdtner Máñez von der Baltic Sea Conservation Foundation besitzen die Erfahrungen der Sea Ranger in Mecklenburg-Vorpommern ein großes Potenzial für die gesamte Ostsee und ihre Anrainerstaaten. Die Herausforderungen für Küstenfischerei und Meeresumwelt seien in vielen Ländern vergleichbar. Gleichzeitig betont sie, dass das Modell nicht einfach auf andere Staaten übertragen werde.
Stattdessen sollen in Estland, Lettland und Litauen gemeinsam mit den dortigen Fischern möglichst viele lokale Akteure eingebunden werden. Dazu zählen Ministerien und Behörden ebenso wie Vertreter aus Naturschutz und Tourismus. Für jedes der drei Länder werde ein eigenes Sea-Ranger-Konzept erarbeitet, unter anderem in Workshops, an denen auch jeweils zwei Fischer aus Mecklenburg-Vorpommern teilnehmen.
Datenbasis gegen Todeszonen und Wissenslücken
Sowohl Schlockwerder als auch Schwerdtner Máñez sehen große Synergieeffekte für die Wissenschaft durch die Einbindung der Fischer als künftige Baltic Sea Ranger. Diese verfügten über nautisches Können, langjährige Ortskenntnis und könnten zusätzlich systematisch Forschungsdaten liefern. Dazu zählten Informationen zu Aquakulturen ebenso wie Daten über die Auswirkungen von Klimawandel, Erwärmung und Nährstoffeinträgen auf Laichgebiete im flachen Küstenmeer.
Effektive Management- und Schutzmaßnahmen für die Ostsee seien nur auf einer soliden Datengrundlage möglich. Darüber hinaus könnten die Baltic Sea Ranger – ähnlich wie ihre Kollegen in Mecklenburg-Vorpommern – eine wichtige Rolle als Botschafter für die Ostsee übernehmen und Wissen über das Meer vermitteln. Dazu gehöre auch die Aufklärung darüber, dass sich in der Ostsee bereits großflächige Todeszonen mit starkem Sauerstoffmangel gebildet haben, die sich über rund 70.000 Quadratkilometer erstrecken und damit größer als Irland sind.
Zudem dauere es aufgrund des geringen Wasseraustauschs bis zu 40 Jahre, bis sich das Wasser der Ostsee als größtem Brackwassermeer der Erde vollständig mit dem Atlantik erneuere. Daraus folge die Notwendigkeit eines deutlich besseren Schutzes. Die drei baltischen Staaten seien dabei nur der Anfang, da sich das Baltic-Sea-Ranger-Modell grundsätzlich auch für weitere Ostseeanrainer eigne.
Dieser Text beruht auf einer Pressemitteilung der DBU (Deutsche Bundesstiftung Umwelt) vom 09.01.2026












